8.1.2020 von Anke B, Photos by Monika aus Berlin und Pressefotos Zoo Berlin
Nachdem der Neujahrstag mit der zutiefst schockierenden Nachricht über den Brand des Affenhauses im Krefelder Zoo und den Tod aller darin lebenden Tiere denkbar schlecht und mit Tränen begonnen hatte, beschlossen Thomas und ich, wie wir es jedes Jahr am Neujahrstag machen, trotz alledem und gerade deswegen in den Zoo zu fahren und uns vom Wohlergehen unserer Lieblinge zu überzeugen. Es war ein Besuch mit sehr gemischten Gefühlen. Einfach alles hatte eine dunkle Eintrübung bekommen.
Wir kamen gegen 13:30 Uhr vor dem Löwentor am Zoo an. Das Wetter war sonnig und es wehte ein kühler Wind. Vor den Kassen standen lange Schlangen, hauptsächlich Familien mit Kindern und viele Touristen. Speziell vielen Männern sah man an, dass sie etwas Bewegung an der frischen Luft gut gebrauchen könnten.
Bei Temperaturen um die 4° Celsius war zu erwarten, dass die Elefanten nicht lang auf den Anlagen zu sehen sein würden und wir begannen unseren Rundgang bei ihnen.
Carla war uns am nächsten, sie stand ruhig in der Nähe des Zauns und schien auf etwas zu warten. Pang Pha und ihre Tochter Anchali hielten sich auf der entgegengesetzten Seite der Anlage auf, bis Anchali mit lässig hin und her schlenkerndem Rüssel langsam auf unsere Seite hinüber getrottet kam, sich neben Carla stellte und sie an allen möglichen Stellen berüsselte: an den Beinen, dem Bauch und am Hinterteil, was die sich ungerührt gefallen ließ. Außerdem roch sie ausführlich an einigen Kotballen auf der Erde. Pang Pha auf der anderen Seite rannte plötzlich mit erhobenen Rüssel los und erstaunlich schnell auf einige Krähen zu, die in den dort liegenden Hinterlassenschaften pickten. Sie wirbelte dabei ordentlich Sand auf. Mit verärgertem Krah Krah flogen die Vögel auf. Überhaupt bildeten diese krächzenden Laute von sehr vielen Krähen das Hintergrundgeräusch für den gesamten Zoobesuch.
Am Hühnerhaus bogen wir nach rechts ab, gingen an den Giraffen vorbei und um die Elefantenanlage herum; die beiden jungen Giraffenbullen Max und Mugambi drückten sich im Vorgehege herum, ihnen war es offensichtlich zu schattig.
Der schöne Elefantenbulle Viktor und Dauerfreundin Drumbo waren unser nächstes Ziel. Drumbo hielt sich in der Nähe des Zauns auf, ich begrüßte sie leise und wünschte ihr ein gutes neues Jahr. Zu meiner Überraschung und Freude drehte sie sich zu mir, schaute mich an und hob den Rüssel, als wolle sie meinen Gruß erwidern. Viktor kam in unsere Nähe als ich ihn rief, aber nicht um uns zu begrüßen, sondern um sich ausführlich zu erleichtern. Ich fragte mich, was er mir damit sagen will… Mir fiel auf, dass er, wenn er steht, nach wie vor den rechten Vorderfuß entlastet. Ich bin überzeugt, die Pfleger haben das im Blick.
Die Flamingos gegenüber bildeten schöne rosa Farbtupfer an diesem winterlichen Tag. Sie waren schon von weitem zu hören, ihre Kommunikation klang wie Gezanke, wo jeder recht haben und keiner nachgeben will.
Wir setzten unseren Weg am Verwaltungsgebäude und der großen Bronzeplastik eines röhrenden Hirsches vorbei fort.
Ein junger Pfleger hatte gerade die Anlage der Stachelschweine gereinigt und alle drei Tiere waren draußen. Ich mag sie mit ihren imposanten schwarzweißen Stacheln, ihren Punkerfrisuren und irgendwie lieben Nager-Gesichtern. Vermutlich hatten sie ihre Zwischenmahlzeit erwartet. Als klar war, dass da nichts mehr kommen würde, liefen alle drei eilig in Richtung Höhleneingang. Zwei kamen gleichzeitig an und konnten sich nicht einigen, wer zuerst hinein darf, so dass beide erst mal in der Öffnung feststeckten.
Breit grinsend gingen wir weiter und staunten, dass alle drei Erdmännchen zu sehen waren. Allerdings nur kurz, sie verschwanden ebenso schnell in ihrem Innenbereich, wie sie aus diversen Tunnelöffnungen aufgetaucht waren. Nachdem eine kleine Höhle in einem Baumstumpf mit Stroh ausgepolstert wurde, sieht man sie auch an kühlen Tagen öfter zu zweit oder dritt darin kuscheln.
Weiter ging es an den leeren Außenanlagen der Menschenaffen vorbei, nur die Paviane gegenüber liefen Parade, immer um ihren Felsen herum. Auch in den Außenbereichen der Affen und Äffchen des Tropenhauses war bis auf eine einsame Eulenkopfmeerkatze kein Tier zu sehen.
Wir betraten das warme und gut mit Besuchern gefüllte Affenhaus.
Die Schimpansen hielten Siesta, sie lagen und lümmelten in ihren Holzwollbetten, auf den Hängematten und -Körben. Direkt hinter der Scheibe sahen wir den Ausbund an Coolness, Pedro, der sich den besten Platz gesichert hatte, um die Besucher zu beobachten.
Die Orang Utan Weibchen Mücke und Djasingha ruhten, tief in Holzwolle vergraben, einige Meter von der Scheibe entfernt, auf an den Wänden angebrachten Plattformen.
Auch die kleine Orang Familie nebenan, Bini, Mano und Bulan, befand sich im Feiertagsmodus bis Bulan zum Entzücken der Besucher einen Aktivitätsschub hatte und artistische Fähigkeiten an aufgehängten Seilen und Klettermöglichkeiten zeigte, den Innenbereich hin und her zu durchqueren.
Grand Dame Fatou hatte ihren Mittagssnack noch nicht beendet und lutschte an einem Salatstrunk herum, bis sie ihn schließlich mit fast angewidertem Gesichtsausdruck – ihre Mimik ist einfach unvergleichlich! – aus dem Handgelenk heraus von sich wegschleuderte. Auf einem Plateau lagen noch andere Reste der Zwischenmahlzeit, u.a. ein Stück Paprika, eine halbe Zwiebel und weiterer Salat. Sie wählte sich etwas davon aus und kletterte bedächtig in obere Gefilde, wo sie sich niederließ, um es dort, ohne neugierige Besucher an der Scheibe, ganz in Ruhe zu genießen.
Vor dem Innenbereich der Gorillas um Silberrücken Sango standen die Besucher dicht gedrängt und mehrreihig, so dass wir nicht bis zu ihnen vordrangen.
Sango
Auch die Sicht auf die Bonobofamilie war großflächig versperrt. Wir erhaschten trotzdem einen kurzen Blick auf die halbwüchsige freche Leki, die sich einen Spaß daraus machte, die beiden Männer Santi und Limbuko zu ärgern und kreischend durch das Gehege zu jagen. Opala hatte sich mit dem kleinen Mats in eine Ecke des Zwischenbereichs zurückgezogen, der Kleine war leider kaum auszumachen.
Bonobobaby Mats
Der Gang durch das Tropenhaus macht mich zur Zeit eher traurig. Man sieht so gut wie nie eine(n) Pfleger(in), dem/der man Fragen stellen könnte. Mich interessiert z.B. wie es dem vor Wochen abgestürzten und am Bein verletzten Jungtier der Kaiser-Schnurrbart-Tamarine und seinen Eltern geht, ob es für den weiblichen Brüllaffen Selina endlich Hoffnung auf ein neues Zuhause oder auf Gesellschaft gibt, ob die beiden Haubenlanguren und die beiden Klammeraffen auf Dauer allein bleiben und und und.
Kaiser-Schnurrbart-Tamarine
Stimmungsaufheller sind allein der kleine freche Klettermaxe bei den Siamangs, der sich von einem winzig kleinen, fast nackten Sorgenkind zu einem agilen und „voll“ niedlichen Jungtier entwickelt hat und die zierlichen, wunderhübschen Stöpsel bei den Totenkopfäffchen, die inzwischen schon allein herum klettern.
Wir verließen das Tropenhaus und gingen an Sitatungas und Kafue Litschi Moorantilopen, an der Panda-Anlage, etlichen leeren Außengehegen links und der großen Raubtierhausbaustelle rechts zum Restaurant, das erwartungsgemäß mehr als gut besucht war. Speziell viele Eltern schienen mit der Gesamtsituation unzufrieden und wirkten genervt, um es vorsichtig auszudrücken. Es gab lange Schlangen vor den Toiletten, der Essensausgabe und an den Kassen, Mütter und Väter schimpften, Babys schrien und einige Kinder weinten bitterlich. Zum Glück gab es auch die Gegenbeispiele: liebevolle Eltern und Großeltern, die Spaß mit ihren Kindern hatten und geduldig mit ihnen umgingen. Viele der Kleinen sahen in ihren gefütterten Overalls aus wie Mini-Raumfahrer.
Nach einem Kaffee auf der leeren, ruhigen Terrasse… mit Blick auf die schönen, unbelaubten Bäume, den Teich und die Fontäne, auf viele Enten, Möwen, zwei Singschwäne und einen Höckerschwan, und überflogen von vielen Krähen, setzten wir unseren Weg fort.
Irgendwo knallten immer wieder Böller, die völlig Verblödete auch nach der Silvesternacht immer noch meinten, zünden zu müssen. Dadurch flog der Krähenschwarm unter lautem Krah Krah immer wieder auf. Was ich über Böller denke, ist nicht druckbar…
Den Okapis ist es derzeit zu kalt, sie bleiben lieber im Stall, obwohl sie hinaus könnten.
Nächstes Ziel waren Spitzmaulnashorn Maburi und Töchterchen Maisha, die dagegen zu sehen waren, unverdrossen ihre Runden drehten und Achten in den Boden frästen. Ab und zu hörte man Maisha fiepen. Offenbar hatte sie Hunger und wollte trinken, aber Maburi erbarmte sich nicht und lief weiter.
Maisha
Kilaguni, die uralte Nashorndame im Gehege dahinter, habe ich seit einer Weile nicht mehr gesehen, ihr geht es aber soweit gut, sie zieht es bei den Temperaturen ebenfalls vor, drinnen zu bleiben.
Die drei Grevy Zebras standen an der Wand ihres Hauses eng beieinander, das letzte verbliebene Jungtier Greta, jetzt fast so groß wie die beiden erwachsenen Stuten, schmuste innig mit seiner Mutter. Sie rieben zärtlich ihre Köpfe aneinander, was mich sehr berührte.
Die Böhm Steppen Zebras gegenüber liefen pausenlos in einer Reihe hintereinander über ihre Anlage, quasi eine Zebra- Parade, dieses Verhalten zeigen sie seit einiger Zeit. Nur eine Mutter mit ihrem Fohlen hatte sich dem Reigen nicht angeschlossen. Die Elen Antilopen dagegen standen herum und schauten sich aus ihren wunderschönen Augen die Besucher an.
Lissy, die alte Seebärin, sie geht auf die dreißig Jahre zu, schwamm ihre Runden mit kleinen Sprüngen aus dem Wasser zwischendurch, eigentlich wie gewohnt, aber von Zeit zu Zeit stoppte sie abrupt, drehte den Kopf und schaute sich um. Vielleicht war es meine Erwartungshaltung, vielleicht habe ich auch genauer hingeschaut, aber manche Tiere kamen mir verändert vor.
Das Seehundbecken war leer.
Die Brillenpinguine nebenan machten das, was sie immer tun: gruppenweise ´rumstehen, ab und zu in eine Höhle oder aus einer heraus schauen, lustig, mit steif abstehenden Flügelchen, von A nach B watscheln und manchmal herzzerreißend klagende Laute ausstoßen. Ich liebe Pinguine! Leider riechen sie ziemlich streng nach Fisch, deswegen verspüre ich nicht den Wunsch mit ihnen zu kuscheln.
Die Seelöwen mit meinem Liebling, dem Bullen Enzo, sind bei jedem unserer Zoobesuche Pflichtprogramm. Auch hier taten sich die Robben mit vielen Sprüngen aus dem Wasser heraus und hinein hervor. Irgendwie wirkte das, als hätten sie gute Laune. Wie immer rief ich Enzo und zwinkerte ihm zu, als er mich aus großen Augen anguckte. Er zwinkerte zurück und kam danach oft ganz nah an die Scheibe, stellte sich einmal sogar auf seine Hinterflossen. Aus der Nähe wirkt er riesig.
Wir machten einen Abstecher ins Pinguinhaus, in dem die Königspinguine sich darauf beschränkten, dekorativ in der Gruppe zusammenzustehen und die Felsenpinguine wie aufgezogen durchs Wasser flitzten und dazwischen nach Fischen tauchten, die von der kurz zurückliegenden Fütterung noch auf dem Boden des Beckens lagen. Einer von ihnen kam zu mir an die Scheibe und wir spielten das Spiel: „Ich sehe dich“ über Wasser/unter Wasser, über Wasser/unter Wasser… Sehr drollig und ein Highlight!
Die Felsenpinguine haben 2019 nach langer Zeit endlich wieder ein Küken erfolgreich aufgezogen. Es ist groß geworden, aber man erkennt es daran, dass die Federpuschel am Kopf noch nicht gelb gefärbt, sondern schwarz sind.
Weiter ging es.
Plato habe ich in der letzten Zeit nicht oft gesehen. Diesmal standen sich er und die drei Polarwölfe auf ihren jeweiligen Anlagen bewegungslos direkt gegenüber. Nicht nur für wenige Sekunden, sondern für endlose Minuten. Es hatte fast etwas von einem Western…, bis sich die Situation auflöste und sich alle ihrer Wege trollten.
Katjuscha lag auf ihrem Mulchbett, als wir an ihrer Anlage ankamen, stand aber kurz danach auf und ging ein wenig spazieren. Sie muss seit dem letzten Sonntag mehrfach im Wasser gewesen sein, da ihr Fell wesentlich sauberer wirkte. Man sieht ihr derweil zwar das Alter an, aber ihr Gesicht ist so schön wie immer und ihre Sinne scheinen noch gut zu funktionieren. Ihre Lakritznase krauste sich und schnupperte ausführlich in alle Richtungen. Krähen, die furchtlos auf ihrem Rücken landeten, um sich ein bisschen Fell herauszuzupfen, schüttelte sie dieses Mal unwillig ab. Nach einer Weile hörten wir Löwin Amira im Innenhof des Bärenreviers brüllen und Kati ging zu ihrer Höhle, wo sie sich letztendlich niederließ.
Besuche in der Fasanerie und im Vogelhaus lassen wir ebenfalls nie aus. Ich bin immer froh, wenn ich alte Bekannte in der Fasanerie: den Palawan Pfaufasan und seine Familie, die Trompeterparadieskrähe, die Senegaltrappe, den Weißohr-Turako, die Kagus und neue Favoriten wie die Rotschopf-Turakos, die Blauscheitelmotmots oder die niedlichen Harlekinwachteln . Nicht nur von vielen liebgewonnenen Säugetieren im Zoo, auch von einigen Vögeln musste ich mich in den letzten zehn Jahren verabschieden.
Nachdem ich die Tragödie in Krefeld für eine Zeitlang vergessen konnte, bzw. verdrängt hatte, fiel sie mir hier mit einem Stich ins Herz wieder ein. Ich dachte an die Vögel in dem Affenhaus.
Der Rundgang im Vogelhaus fiel kurz aus. Es war mir zu voll und zu laut. Wir gingen bei Kea Fred vorbei, der fast nur noch traurig auf der Erde liegt, weil er seit Wochen ohne seine Partnerin Vilma auskommen muss, die sich, vermeintlich wegen der zwischen ihnen herrschenden Disharmonie, fast kahl gerupft hatte; bei den immer munteren Wellensittichen, den Darmadrosseln, die manchmal zutraulich und zart mit Besuchern zwitschern und pfeifen und bei den unterschiedlichen Kakadus, Aras und Amazonen. Der große männliche Hyazinth-Ara z.B. vermisst seit einiger Zeit seine Partnerin, die sich vor einer Weile am Flügel verletzt hat und nun hinter den Kulissen aufgepäppelt wird. Ich drücke allen einsamen, unfreiwilligen Strohwitwern und -Witwen unter den Papageienvögeln die Daumen, dass sie bald wieder Gesellschaft haben, mit der sie sich verstehen und allen Kranken, dass sie schnell wieder gesund werden.
Nach Kurzbesuchen im Streichelzoo, wo wir die Ponys besuchten und streichelten, die derweil ein dickes Winterfell tragen, im Flusspferdhaus, wo wir die großen Flusspferde wegen des recht trüben Wassers kaum sehen konnten und die Zwergflusspferde schliefen und am und im Schweinehaus, wo wir fünf kleine Pekaris entdeckten, Bartschwein Neo ein gutes neues Jahr wünschten, uns über die pausenlos zankenden Pustelschweinchen amüsierten und dem weiblichen Hirscheber Lebony Nase und Öhrchen kraulten, gingen wir Richtung Ausgang.
Bartschwein Neo
Der Himmel hatte sich inzwischen orange gefärbt und die Sonne hatte ihr Tagwerk am ersten Tag des Jahres 2020 fast beendet.
Für den Rest des Jahres wünsche ich mir mehr gute Nachrichten und etwas mehr Hoffnung!